Scrivener-Serie: Grundkonzept und den Binder verstehen

Dieser Beitrag bildet den Auftakt für eine Artikelserie, in der ich mich dem Schreiben von Büchern und Fachartikeln mit dem Programm Scrivener beschäftigen werde. Dabei möchte ich Ihnen kein Handbuch an die Hand geben. Wer Scrivener einsetzt, weiß, dass die Software mit einem sehr umfangreichen, wenn auch englischen, Manual ausgeliefert wird. Was ich Ihnen zeigen möchte, ist, wie Sie das Programm schnell einsetzen. Dabei möchte ich Ihnen die Tipps und Erkenntnisse vermitteln, die ich mir in der konkreten Arbeit mit dem Programm erarbeitet habe.

Dies bedeutet nicht, dass Sie so arbeiten müssen, wie ich es tue. Höchstwahrscheinlich werden Sie sogar eine andere Vorgehensweise bei Ihren Manuskripten haben. Und genauso wahrscheinlich, werden Sie in Scrivener eine andere Möglichkeit dazu finden. Denn das Programm passt sich den Gewohnheiten und Vorlieben seines Anwenders durch die vielen Optionen wunderbar an.

In diesem ersten Beitrag möchte ich Ihnen, sofern Sie das Werkzeug noch gar nicht kennen, seine Vorteile und die grundlegende Philosophie dahinter erläutern.

Was ist Scrivener?

Rein fachlich betrachtet, ist es sicherlich nicht falsch, das Programm als Textverarbeitung mit vielen Zusatzfunktionen zu bezeichnen. Gerecht wird man dem Werkzeug damit sicherlich nicht. Ursprünglich als Shareware vertrieben, fällt sein Name doch immer rasch, wenn zwei schreibende Kollegen aufeinander treffen. «Womit schreibst Du eigentlich Deine Artikel?» «Na, mit Scrivener, womit auch sonst» lautet häufig die Antwort.

Während dieser Artikel entsteht, ist die einzige offizielle Version des Programms dem Mac vorbehalten. Allerdings steht die Version für Windows schon einige Zeit in den Startlöchern, so dass Kollegen, die auf das Betriebssystem aus Redmond angewiesen sind, endlich auch in den Genuss dieses fabelhaften Werkzeugs gelangen.

Bildschirm Scrivener

Mit dem Editor, dem zentralen Element der Software, werden Sie als Autor ohne Zweifel die meiste Zeit verbringen. Er stellt den offensichtlichsten Baustein des Programms dar. Wie Sie noch sehen werden, erwartet Sie dort aber kein überbordendes Sammelsurium an Funktionen, wie es die aktuellen Versionen der bekannten Textverarbeitungen offerieren. Im Zentrum steht das Schreiben als kreativer Prozess.

Deshalb ist der Editor ein wichtiger und zentraler Bereich der Software, aber noch viel wichtiger für die Arbeit des Autors sind die vielen weiteren Funktionen des Programms und vor allen Dingen seine Verlässlichkeit.

Trennung von Inhalt und Formaten

Ich schreibe beruflich. Das bedeutet, dass der Prozess des Schreiben die Krönung der Aufgaben ist, die im Laufe eines Projekts zu erledigen sind. Bevor ich mich hinsetze, um einen Fachartikel, einen Blogbeitrag oder das Kapitel eines Buches zu schreiben, ist viel Arbeit in die Vorbereitung geflossen. Ich habe recherchiert, mein Material geordnet und den Stoff in Gedanken untergliedert, um so die Struktur für das Schreiben zu erhalten.

Das Schreiben und am Ende die Weitergabe des finalen Dokuments an den Auftraggeber muss dabei einfach «funktionieren» und mir keine Zeit rauben. Denn die habe ich nicht. Denn nach einem Auftrag ist in aller Regel immer auch gleich die Zeit vor einem Auftrag. Und wie alle Autoren, die mit dem Computer schreiben, habe auch ich Geschichten auf Lager, was denn alles passieren kann, wenn die Technik nicht das macht, was sie soll. Oder sich anders verhält, als es ein Anwender erwartet.

So habe ich gemeinsam mit einer Lektorin einmal einen ganzen Abend in Permanenz telefonieren müssen, weil die Abgabe des Manuskripts immer näher kam, aber die in Word erstellten Dokumente sich von ihr nicht mit einem vernünftigen Inhaltsverzeichnis versehen ließen. Was bei mir wunderbar funktionierte, ging auf ihrem System partout nicht. Dabei nutzten wir beide die gleiche Version von Word.

Wen es interessiert: Der Fehler bestand darin, dass ich die Arbeit in Filialdokumenten organisiert hatte. Leider hatte sich damals offensichtlich ein Bug eingeschlichen und die Funktion, die die Kollegin ausführte, durfte nur der Inhaber des Dokuments ausführen. Das war ich, nur leider war ich natürlich nicht an ihrem Rechner angemeldet. Mit fatalen Folgen.

Scrivener lässt Sie mit solchen Problemen in Ruhe. Denn in erster Linie interessiert sich die Software überhaupt nicht für die optische Gestaltung des endgültigen Dokuments. Die Weitergabe des Manuskripts erfolgt erst durch das Kompilieren.

Dabei wird aus Ihrem Text anhand von Regeln des Programms das endgültige Ergebnis erzeugt. In unterschiedlichen Formaten, auf deren Gestaltung Sie Einfluss nehmen können. Wenn Sie so wollen, trennt Scrivener also den Inhalt von der späteren Form.

Das entspricht ja auch dem Wesen des Schreibens. Sie vermitteln Informationen oder wollen eine Geschichte erzählen. Das ist Ihre Passion und Mission, nicht das Layout des Textes. Scrivener lässt Sie sich genau auf diese Arbeit fokussieren. Sie müssen sich erst ganz zum Schluss Gedanken über die optische Gestaltung machen, ohne allerdings zu sehr ins Detail zugehen.

Doch wie unterstützt Sie das Programm nun beim kreativen Prozess des Schreibens?

Der Arbeitsprozess in Scrivener

Haben Sie sich schon einmal Bilder von den Manuskripten eines Marcel Proust angesehen? Ein Blick auf ein solches Foto verrät bereits, was an der Logik der einfachen Textverarbeitungen falsch ist. Programme wie Word oder Writer von LibreOffice gehen davon aus, dass das Schreiben eines Textes ein rein linearer Prozess ist. Wir öffnen eine Datei und beginnen mit den Schreiben. Und so füllen wir Bildschirmseite um Bildschirmseite.

Dieses Vorgehen mag zwar für das Verfassen eines Briefes richtig sein, aber wann immer ich mit Kollegen diskutiere, habe ich bisher von kaum jemanden gehört, der so arbeitet. Selbst meine Fachartikel zu einem einzigen Aspekt eines Betriebssystems werden nicht so linear geschaffen, sondern bestehen eigentlich aus zahlreichen kleineren Einheiten, die auch separat bearbeitet und geschrieben worden sind.

Ob Thomas Mann, Marcel Proust oder viele andere: Besieht man sich einmal in Ruhe die Seiten der Originalmanuskripte, zeugen diese von zahlreichen Ergänzungen und Überarbeitungen. Besonders Proust dürfte über ein Programm wie Scrivener begeistert gewesen sein. Hätte er sich doch viel Arbeit beim Ankleben von Manuskriptteilen erspart und auch leichter die einzelnen Teile montieren können.

Mit dem Binder strukturieren Sie Ihr Werk

Auf der linken Seite des Programmfenster befindet sich der Binder. Die Ablagemappe, die alle Texte und alle Materialien zu einem Projekt aufnimmt. Der Binder erinnert an einen klassischen Dateimanager. Wenn Sie beim Start von Scrivener die Vorlage «Blank» auswählen, sind hier drei Einträge enthalten, die Ihnen so auch in den anderen Vorlagen wieder begegnen.

  • Draft: Dies sind die Einzelteile Ihres Manuskripts.
  • Research: In diesem Bereich speichern Sie die Ergebnisse Ihrer Recherchen oder lagern alle Inhalte aus, die nicht zum Manuskript gehören, sondern zusätzliche Informationen bereitstellen.
  • Trash: In den Mülleimer werfen Sie Texte oder Material, das Sie nicht mehr benötigen.

Struktur eines Artikels in Scrivener

Wenn Sie den Binder gerade nicht benötigen, weil Sie länger an einem Text schreiben oder schlicht mehr Platz im Programmfenster wünschen, blenden Sie ihn mit cmd+alt+b aus oder wieder ein.

Jedes Element, das Sie unterhalb des Ordners Draft im Binder hinterlegen, präsentiert einen Teil Ihres Werkes. Der Binder ist nicht einfach ein Dateimanager. Es präsentiert die Struktur Ihres Werkes visuell. Sie können die Elemente jederzeit umstellen und neu anordnen. Sie fassen diese auf Wunsch in Gruppen zusammen.

Der Binder kann Dateien und Ordner aufnehmen. Um ein neues Element im Binder anzulegen, haben Sie verschiedene Möglichkeiten:

  • Klicken Sie in der Symbolleiste auf Add. Wenn Sie den kleinen Pfeil daneben anklicken, haben Sie die Wahl zwischen Text oder Ordner.
  • Sie finden die gleichen Möglichkeiten, wenn Sie auf einem Element innerhalb des Binders einen Rechtsklick ausführen. Über das Kontextmenü erreichen Sie dann ebenfalls das Hinzufügen von Ordnern oder Dokumenten.
  • Strg+cmd+N, wenn Sie einen neuen Ordner anlegen wollen.
  • Schließlich finden Sie am unteren Rand des Binders noch Schaltflächen vor, mit denen Sie die Aktion ausführen.

Entscheiden Sie sich für das Kürzel oder den Schalter in der Symbolleiste, wird der neue Eintrag unterhalb der aktuellen Hierarchieebene angelegt. Das Element, das aktuell markiert ist, gibt also die Stellung des neuen Eintrags vor.

Naheliegend ist es natürlich, wenn Sie die Kapitel in Form von Ordnern organisieren, unterhalb deren sich dann die Texte und Abschnitt einfügen. Das hat aber auch etwas damit zu tun, dass uns Betriebssysteme wie Windows und MacOS so konditioniert haben.

Ich organisiere meine Manuskripte inzwischen recht kleinteilig. Denn Scrivener bietet ja den Vorteil, dass Sie nach dem Schreiben festlegen können, wie sich das finale Werk zusammensetzen soll. Deswegen organisiere ich die Einträge inzwischen so, dass jedes Element im Binder einen thematischen Block im Artikel oder Kapitel bildet.

Beim Kompilieren definiere ich dann, wo Trennungen in Form von Überschriften erfolgen soll, also die gedankliche Struktur auch in einer äußeren Struktur sichtbar wird.

Doch darüber schreibe ich später noch einmal genauer. In der kommenden Ausgabe stelle ich Ihnen zunächst den Editor genauer vor und zeige Ihnen, wie Sie diesen für die tägliche Arbeit einrichten.

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2 Antworten auf Scrivener-Serie: Grundkonzept und den Binder verstehen

  1. Stefanie 22. Juli 2011 at 09:01 #

    Herzlichen Dank für den Beitrag. Ich würde mich noch über weitere Infos zum Transkribieren von Audiodateien freuen. Beste Grüße, Stefanie.

  2. Jake 6. September 2011 at 12:34 #

    Guter Beitrag. Ich arbeite schon länger mit Scrivener auf Mac und hab mein Buchprojekt soweit fertig.
    Wie Formatierst Du dein fertiges Manuskript?
    Ich würde mich über Infos freuen wie man ein Manuskript mit Scrivener Formatiert, denn der “Standard Novel Format” ist leider nicht für den Deutschen Buchmarkt vorgesehen oder irre ich mich da?

    Gruß
    Jakob

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